Rezension „Schweinwerfer in der MNacht“ (Anthologie)

Rezension „Schweinwerfer in der MNacht“ (Anthologie)

Ein einziger Buchstabe genügt, um einem Satz eine völlig neue Bedeutung zu geben. Dieser Erkenntnis widmet sich die Anthologie Schw̶einwerfer in der M̶Nacht. Sie nimmt sich der kleinen Verschreiber an, die im Eifer des Gefechts entstehen – etwa, wenn „Ihm stand der Scheiß auf Stirn“ anstelle von „Ihm stand der Schweiß auf der Stirn“ zu lesen ist. Was wäre, wenn diese Fehler nach kurzem Schmunzeln nicht korrigiert, sondern zu einer eigenen Geschichte geworden wären?

Wer nun vermutet, sämtliche Geschichten der Anthologie würden auf das Gef*ckt-eingeschädelt-Muster einer betagteren Sketchreihe setzen und sich gegenseitig mit Wortspielen zu überbieten versuchen, dürfte enttäuscht – oder besser gesagt: überrascht – werden. Nur einige, aber bei Weitem nicht das Gros der Geschichten, zielen auf ein Gag-Feuerwerk ab.

Zu den gelungenen Vertretern dieser Ecke zählt etwa Thomas Heidemanns „Erro Ergo Sum“: Die KI der Stadtverwaltung erhält den Rat, etwas kreativer zu sein, und nimmt den Schreibfehler Stadtverwalzung kurzerhand wortwörtlich. Eine Geschichte, die wohl nach der Devise „Warum einen Schreibfehler, wenn sie im Dutzend billiger sind?“ verfasst wurde und nach zahllosen Zwerchfellangriffen in einer originellen Pointe gipfelt. Ivan Ertlovs „Schutzengel“ schlägt in Form eines fantastischen Hard-Boiled-Krimis einen bissigeren Ton an. Gottheiten hören bekanntlich alles, aber zu schnoddrig sollte man dann doch nicht beten – es sei denn, man wollte wirklich ein Heiligenschwein.

Doch bereits die Eröffnungsgeschichte „Das defekte Urwerk“ von Sina Lienemann zeigt, dass diese Anthologie mehr zu bieten hat: Eine Uhrmacherin wird zu einem ungewöhnlichen Auftrag gerufen, weil in ihrer Zeitungsannonce ein entscheidender Buchstabe fehlte. Statt sich mit Zahnrädern und Uhrwerken zu beschäftigen, sieht sie sich plötzlich mit dem Urwerk, dem Ursprung von allem, konfrontiert. Eine spannend erzählte und fantasievolle Geschichte, die über ihre eigentliche Handlung auf charmante Weise Mut macht, sich Herausforderungen zu stellen und neue Wege zu beschreiten.

Ein weitere, sehr gelungene Geschichte ist „Bewertungen zum Café Louise“ von Caroline Lüders, die sich bereits durch ihre Erzählform in Form von Onlinebewertungen für das im Titel genannte Café abhebt. Hier ist ein oft überlesener Schreibfehler auf der Speisekarte keineswegs einer. Es handelt sich bei einem bestimmten Getränk eben wirklich *nicht* um einen Früchtetee, was bei den Gästen nach Genuss unerwartete Nachwirkungen zur Folge hat. Aus dem Wortspiel entwickelt sich eine Geschichte, die über den bloßen Gag hinausgeht und zum Nachdenken anregt.

Auch weitere Beiträge bleiben abwechslungsreich, in dem sie aufs Herz abzielen („Die Feenstaubfilter-Bestellung“ von Anke Höhl-Kayser) oder gänzlich auf Humor verzichten, um ein wichtiges Thema zu transportieren („L’arte di vivere – Die Kuhnst des Lebens“ von Frederik Elting ). Wie bei jeder Anthologie trifft naturgemäß nicht jede Geschichte den persönlichen Geschmack. Handwerkliche Güte und Originalität lassen sich den Beiträgen jedoch durchweg bescheinigen; ein wirklicher Ausfall ist nicht festzustellen.

Nach dem Lesen bleibt der Gedanke, dass es sich lohnt, bei manch entstandenem Schreibfehler vor dem Ausmerzen darüber nachzudenken, welche Welt sich hinter ihm verbergen könnte. Vielleicht nicht die beste Anthologie der letzten Jahre, aber mit Sicherheit die originellste.

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