Rezension „NOVA Nr. 31“

Rezension „NOVA Nr. 31“

Das Taschenbuch-Magazin NOVA gehört zu den langlebigsten Publikationen der deutschen Science-Fiction-Szene. In der Anthologie-Flut ist mir NOVA bislang positiv durch das hohe handwerkliche Niveau der Beiträge aufgefallen. Gleichfalls scheint NOVA im SF-Sektor das Magazin mit den größten literarischen Ambitionen zu sein: Die Geschichten sind oft komplex, behandeln schwere Themen und verlangen, sie aufmerksam zu lesen und in eigenen Gedankengängen darüber zu sinnieren.

Der Auftakt „Die Retardierten“ von Maike Braun ist gleich einer der stärksten Beiträge. Die Geschichte handelt von Eva, die sich einen Neuronalchip implantieren ließ, der sie zu einem besseren Menschen und insbesondere einer besseren Ehefrau macht: Sie ist geduldig, einfühlsam, zurückhaltend und scheinbar nie wütend oder unglücklich. – Im Vorwort zu dieser Geschichte spekuliert Story-Redakteur Michael K. Iwoleit, ob die Autorin ihre Geschichte als feministisch einstufen würde. Nach meiner Ansicht wäre das zu kurz gegriffen. Maike Braun widmet sich mit ihrer Geschichte eher grundlegend der Natur des Menschen und thematisiert Fragen über Freiheit und Selbstbestimmung – die Antworten darauf beschäftigen mich noch, während ich diese Rezension verfasse. Sprachlich und strukturell auf hohem Niveau, zählt „Die Retardierten“ zu den besten SF-Kurzgeschichten dieses Jahrgangs.

C. M. Dyrnbergs „Fast Forward“ wird in kapitelartigen Abschnitten erzählt. Ein Mann befindet sich an Bord eines Raumschiffes, welches sich auf einer langen Reise befindet. In größeren Abständen wird er immer wieder für 12 Stunden geweckt und denkt in dieser Zeit an eine Frau, die ihn verlassen hat. – C. M. Dyrnberg setzt die Bewältigung eines Beziehungsendes auf ungemein kreative um. Die Geschichte ist sprachlich schön und arbeitet subtil auf den großen Knall am Schluss zu.

Der Farbklecks der Zusammenstellung dürfte „Biofilm 1983“ von Frank Neugebauer sein. Die Geschichte wird abwechselnd über zwei „Stränge“ erzählt. Der eine Strang – die „Realität“ – spielt in einer dystopisch gezeichneten Stadt, die von einer gigantischen Kuppel umgeben ist. Wir schreiben das Jahr 1983, der Weltenbau erinnert an eine überzeichnete DDR (worauf im Text sogar explizit hingewiesen wird). Die Geschichte dreht sich um den Arbeiter Simak, der wie alle Menschen von der Progress (Führung) zu verschiedenen, stupiden Fließband-Tätigkeiten eingesetzt wird. Er verfügt über wenig Geld, haust in einer heruntergekommenen Wohnung. Sein einziger Zeitvertreib besteht in wiederholtem Ansehen des Filmes „Der dritte Weltkrieg“. Dies ist der zweite Strang, in welchem fantasy-artig der Kampf eines Mutanten namens Relum erzählt wird. Wie beide Perspektiven zusammenhängen, wird am Ende aufgelöst. Diese Geschichte ist schräg, fantasievoll, düster und ausgesprochen zynisch in ihrer Aussage.

Mein Highlight dieser Ausgabe ist die rund hundertseitige Novelle „Briefe an eine imaginäre Frau“ des NOVA-Storyredakteurs Michael K. Iwoleit. Die Geschichte um einen visionären Programmierer, der sich seine Chancen auf Glück und Veränderung ein ums andere Mal selbst verbaut, beeindruckt durch einen intensiv erzählten, nicht immer angenehm zu lesenden Seelen-Striptease. Gleichzeitig zeichnet der Autor detailliert eine mögliche Entwicklung virtueller, sozialer Netzwerke, ohne dabei in langweilenden Infodump zu verfallen.

Im (guten) Mittelfeld rangieren „Ein Shoppingmall-Sonnenuntergang“ (Lars Hannig), „Der Gast“ (Thomas Grüter), „Am Scheideweg“ (J. A. Hagen) und der Gastbeitrag von Ivan Molina. Alle Geschichten haben ihre Momente und sind handwerklich solide, konnten mich jedoch nicht übermäßig begeistern. Mit dem Beitrag von Karsten Kruschel werde ich nicht warm, wobei ich gerne zugebe, nicht verstanden zu haben, was die Geschichte sagen will. Dirk Alts „Die Chimäre“ hatte interessante Aspekte, aber für mich ist das ein langatmiger Entwurf von etwas, was eine Geschichte werden kann. Die beiden Sachtexte haben zwar bei mir nicht das Interesse geweckt, mich mit den besprochenen Autoren/Werken zu beschäftigen, aber ich empfand sie als gut geschrieben. Beiden Autoren gelang es, dass ich mir ein Bild machen und ihre Analysen nachvollziehen konnte.

Fazit: NOVA 31 konnte mich im Vergleich zu ein paar früheren Ausgaben – bspw. den beiden direkten Vorgängern oder der Nr. 26 – etwas weniger begeistern, doch für die drei Hochkaräter und ein solides Mittelfeld lohnt sich die Anschaffung der Lektüre.

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